Donnerstag, 13. November 2014

Gedanken an Mama

Ich kann gerade nicht schlafen.
Aber diesmal sind es meine Gedanken, nicht die Beine, die keine Ruhe geben. Ein Monolog.

Mama.

Ich denke mir, was würdest du eigentlich sagen? Zu dem was ich hier mache, mit meinem Blog und so. Wie offen ich über die Krankheit, Stoma, Sex und so schreibe. Wie ich mein Leben so lebe, oder nicht lebe. Wie ich so bin.
Ich weiß es gar nicht. Der Blog und all das hat eigentlich erst nach dir angefangen. Meine ganze „echte“ Krankheitsbewältigung, das Drüber-Reden, die Offenheit und das Damit-klarkommen.
Früher gab’s gar keine Zeit dafür, da war immer irgendwas, bei mir oder bei dir, Mama.
Das ist auch ein Grund, warum ich manchmal denke, mein Blog verdient gar nicht so viel Aufmerksamkeit wie manch andere. Andere, die haben große OPs, kämpfen gegen schnellwachsende Metastasen, machen eine Stammzellentransplantation durch, liegen ewig im Krankenhaus oder müssen mit viel größeren Einschränkungen im Alltag klar kommen.

Mein großer Kampf ist eigentlich schon vorbei. Mein großer Kampf war der gemeinsame mit Mama, mit Dir. Der gemeinsame Weg zum Krankenhaus, zur Chemo. Die Besuche auf Station, mal lag ich im Bett – mal sie. Der gemeinsame Gang zur Bestrahlung. Als alle im Wartezimmer immer dachten ich wäre ja nur Begleitung. Und wo sie die Medikamente immer genau anschauen mussten, der Nachname, der drauf stand, war ja der Selbe……
Hätten wir das mal an die große Glocke gehängt „Mutter & Sohn gemeinsam gegen den Krebs“ – oh man wir hätten die Talkshows gerockt! :-D
Aber so jemand warst du nicht – so jemand war ich damals nicht.

Wie haben wir das eigentlich geschafft das auszuhalten, Mama? Ich weiß es heute nicht mehr.
Was haben wir auf der Fahrt geredet? Alltägliches wahrscheinlich
Warum haben wir zuletzt nicht noch mehr Meinungen eingeholt, warum nicht noch mehr probiert, noch andere Experten abgeklappert? War ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt? Manchmal glaube ich ja,….
Wir hatten den selben Krebs, warum verlief das so viel schlechter bei dir als bei mir? Ist das nicht irgendwo ungerecht?
Sei mir nicht böse, Mama, aber denkst du, wir hätten den Krebs früher bemerken können, wenn einer von uns mal früher zum Arzt wäre? Haben wir was falsch gemacht? Hätte ich mich untersuchen lassen, wenn der Krebs bei dir zuerst entdeckt worden wäre? Fragen über Fragen. Solche Fragen stell ich mir oft. 

Ich hab so viel Fragen an dich. Im Nachhinein betrachte, hab ich zu wenig gefragt, die letzten Jahre.
Wann haben wir die Gespräche geführt, die ich heute mit anderen Betroffen führe? Haben wir die überhaupt geführt? Wollten wir das? Wollte ich das nicht oder wolltest du das nicht?
Was würden wir heute machen, wäre das doch alles anders verlaufen? Ein Jahr früher zum Arzt und du würdest vielleicht noch leben, wir wären vielleicht beide geheilt. Wo würden wir heut stehen?
Oder ist das Schicksal oder so ein Scheiß? Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Nein halt wieso Verräter, es hat mir ja vorher nicht versprochen. Das Schicksal ist ein blödes Arschloch. So.
Klar hab ich durch den Krebs auch viel über mich selbst gelernt und viel Positives erfahren und so… bla bla… du weißt schon.

Aber im Moment will ich einfach nur die Zeit zurückdrehen und nochmal ganz von vorne anfangen.
Lass uns nochmal anfangen, sagen wir im Urlaub in Ungarn, am Balaton. Das ist zwar schon einige Zeit her, aber hey, die Oberstufe im Gymnasium war ja auch eine geile Zeit, die könnte ich auch nochmal durchleben.

Wir sind den ganzen Tag am Strand und laufen abends dann in der warmen Luft des Sommerabends durch die uns so bekannten Straßen des Touristenortes nach Hause. Die letzten Vesperbrote werden an Enten und Schwäne verfüttern. Auf dem Weg kaufen wir noch Popcorn oder Mais von einem der Straßenhändler, den man schon von weiten riecht. Kein Smartphone weit und breit, ein paar Kinder zahlen Geld für die Automaten in der Videospielhalle. Die Zeit gehört nur der Familie. In dem Ferienhaus haben wir 2 Wochen lang keine Probleme, denken nicht an gestern, nicht an morgen. Einfach eine schöne Zeit. Erinnerungen, die für immer bleiben.

Durch die Krankheit wurden solche Momente immer seltener, bis der Krebs alle guten Erinnerungen aufgefressen hatte und irgendwie nichts mehr da war. Da waren nur noch Spritzen, Infusionen, Krankenhäuser, Strahlen, Computertomographien, hier und da ein Fleck zu sehen.
Diese Zeit wurde mir einfach gestohlen von dem Scheiß Krebs. Mir wurden Jahre von meinem Leben gestohlen und unsere Familie wurde gemeinsame Jahre wenn nicht Jahrzehnte mit dir gestohlen.

Dieser Scheiß Krebs.
Für dich will ich gewinnen, auch wenn ich noch nicht weiß wie.


Mama, wir werden uns wiedersehen, aber noch nicht.

Noch nicht.

<3

Aktuelle Studien (Darmkrebs)